Aus der Reihe “Allgemeine Betrachtungen”
Die Diskussion um Sprache und Sensibilität trifft leider gerade die Literatur an einer empfindlichen Stelle – dem Ort, wo eigentlich das unverfälschte Werk des Autors stehen sollte.
Verlage passen Klassiker in Neuauflagen an, gestrichene Begriffe werden durch zeitgemäße Begriffe ersetzt, und manche Stücke verschwinden nach lautstarken Protesten im Archiv. Oft mit der Begründung, Leser vor Diskriminierung oder veralteten Weltbildern zu schützen.
Man muss den Vergleich mit staatlicher Zensur vergangener Zeiten gar nicht bemühen, um das Problem zu sehen: Wer Werke der Vergangenheit durch die Brille der Gegenwart filtert, beraubt sie ihrer historischen Einordnung.
Natürlich ist Pippi Langstrumpf in Teilen nicht mehr zeitgemäß, Lieder wie „Lustig ist das Zigeunerleben“ tragen alte Romantisierungen in sich, und Karl May trieft stellenweise vor Kolonialromantik. Und? Sind wir mündigen Leser wirklich zu unbedarft, um historische Kontexte zu erkennen, ohne dass uns Verlage oder Sensitivitäts-Lektoren den Weg ebnen?
Statt Sprache in Kinder- und Jugendliteratur im Nachhinein zu bereinigen, braucht es Einordnung und Kontext. Es liegt am Ende in der Verantwortung jedes Einzelnen, Gelesenes kritisch zu hinterfragen.